KBSZ Ellwangen: Jugendliche Migranten auf dem Weg in den Beruf

Mühevoll ist der Weg Jugendlicher, die hier in Deutschland ohne Deutsch—Kenntnisse angekommen sind, bis sie es in eine Berufsausbildung oder in eine weiterführende Schule geschafft haben. Regelmäßig besuchen inzwischen über 100 dieser Schülerinnen und Schüler das Kreisberufsschulzentrum und viele haben sich an den letzten Tagen des jetzt zu Ende gegangenen Schuljahres gefreut über gute Erfolge.

Ganz entscheidend für eine gelingende Schulkarriere ist der Spracherwerb und damit der gut gelingt, brauchen diese Jugendlichen einfach Zeit. Der Besuch einer VABO-Klasse ist in der Regel der Einstieg ins deutsche Schulsystem für Jugendliche über 15. Eine Phase der intensiven beruflichen Orientierung in einer AV-dual-Klasse folgt. Inzwischen sind etliche auch schon angekommen in einer dualen Ausbildung und da zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich in Handwerksberufen und in Pflegeberufen.

Jugendliche Migranten, die ohne Deutsch-Kenntnisse hierhergekommen sind:
– das sind Flüchtlinge mit ganz unterschiedlichem Status und ganz unterschiedlichen Herkunftsländern, z.B. aus Syrien, Afghanistan, dem Jemen, Eritrea, Somalia oder aus den Ländern Westafrikas. Wegen ihrer Flucht, wegen der Kriege zuhause waren diese Jugendlichen oft schon längere Zeit nicht mehr in einer Schule. Oft sind sie alleine hergekommen und werden als „unbegleitete Minderjährige“ betreut in der Marienpflege oder in anderen Jugendhilfe-Einrichtungen;
– das sind oft auch Jugendliche aus den süd- und südosteuropäischen EU-Ländern, deren Eltern ein Arbeitsplatz in Deutschland angeboten wurde. Sobald klar war, dass die Eltern diese Stelle behalten können, wurden die Kinder nach Deutschland nachgeholt. Viele haben in ihren Heimatländern weiterführende Schulen besucht, aber dort Deutsch nicht gelernt. Sie haben den Wunsch, schnell wieder eine ähnliche Schule besuchen zu können – und dafür müssen sie Deutsch in Wort und Schrift lernen und das Gelernte mit entsprechenden Sprachprüfungen nachweisen;
– das sind inzwischen auch Jugendliche, die in ihren Heimatländern ganz gezielt als Auszubildende angeworben wurden, die so im Ostalbkreis eine Ausbildung aufgenommen haben und jetzt quasi „nebenher“ Deutsch lernen sollen. In der Altenpflegehilfe gibt es dafür eine spezielle Schulart, die ihnen das durch eine Verlängerung der Ausbildungszeit von einem auf zwei Jahre gut ermöglicht. In den meisten anderen Ausbildungen wird das so noch nicht unterstützt; deshalb wiederholt ein Teil dieser Azubis das erste Schuljahr.

VABO – Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen – so nennt man in den Beruflichen Schulen die Schulart, in der Schüler ohne Deutschkenntnisse im Alter zwischen dem vollendeten 15. und dem 18. bzw. dem 21. Lebensjahr in allen Unterrichtsfächern schwerpunktmäßig die deutsche Sprache lernen.

Im Laufe des vergangenen Schuljahres 2017/2018 hat das KBSZ Ellwangen 72 Schülerinnen und Schüler aufgenommen. Die waren nicht alle schon zu Schuljahresbeginn da – das KBSZ führt auch eine Auffangklasse, in der diese Schüler schnell nach ihrer Ankunft zu allen Zeiten Aufnahme finden und bei guten Leistungen auch schon nach wenigen Monaten in eine VABO-Regel-Klassen gehen.

Fünfzig Schüler aus 3 VABO Klassen haben Ende Juli stolz ihre Zeugnisse erhalten. Ihre Abschlussfeier haben sie aktiv mitgestaltet. Von den Schülern selbst geschriebene und vorgetragene Abschlussreden zeigen die inzwischen vorhandenen Sprachfertigkeiten, zugleich auch die Dankbarkeit, in die(se) Schule gehen zu dürfen. Klaviervorspiel, Breakdance, Rapgesang und Fußballjonglage machten die Verabschiedung zu ihrem großen Abschlussfest.

In dieser Schulform liegt der Schwerpunkt auf dem Erwerb der Sprachstandniveaus A2 beziehungsweise B1. Der erfolgreiche Nachweis dieses Sprachstandes öffnet die Türen in andere Schularten.
Auch andere Fächer erfüllen wichtige Funktionen. Der Unterricht in Religion und Sport hilft beim Ankommen im deutschen Alltag. Die Schüler bekommen Informationen über die verschiedenen Religionen, erfahren etwas zum Hintergrund christlicher Feste und damit auch über Sitten und Bräuche in ihrer neuen Heimat. Sport vermittelt Fair Play, Regeln und gegenseitigen Respekt, schult aber schnell auch Vokabeln zur Anatomie, zur räumlichen Orientierung. Ganz abgesehen davon, dass so Gelegenheit ist, auch einmal richtig „Dampf abzulassen“! Ohne mathematisches Grundvokabular, ohne Rechenregeln und Berechnungen in Deutsch gäbe es später keinen beruflichen Erfolg – und das Lösen von Textaufgaben zeigt ganz schnell, ob die Sprache inzwischen gut genug verstanden wird.

Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, respektvoller Umgang untereinander – diese Handlungskompetenzen ziehen sich über den gesamten Unterricht. Genauso wichtig für den weiteren Weg ist das Fach „Berufliche Kompetenz“.

Hier arbeiten die Schüler/innen ganz praktisch in den Bereichen Ernährung/Gastronomie, Labortechnik, Verkauf, Pflege, Gestaltung, Metall- und Holztechnik. So bekommen sie einen Einblick in ganz unterschiedliche Berufe und erfahren dabei schnell, welche Anforderungen in einer Ausbildung an sie gestellt werden. Das dient einer ersten beruflichen Orientierung, das erleichtert den Jugendlichen die Wahl des „richtigen“ Profilfaches für den nächsten schulischen Schritt zum Beispiel im AVdual und schützt so vor Fehleinschätzungen und Abbruch eines Schulbesuches oder einer Ausbildung.

Diese Schülerinnen und Schüler sind großenteils sehr motiviert. Viele besuchen jetzt einen sechswöchigen, vom Landratsamt angebotenen Sprachkurs, um so im neuen Schuljahr noch besser in eine berufliche Grundbildung oder schon in eine Ausbildung starten zu können.

Schüler, die erst im Laufe des Schuljahres in die VABO-Klasse eingetreten sind, manchmal erst dort Lesen und Schreiben gelernt haben und deshalb noch keine Sprachstandsprüfung gemacht haben, werden jetzt noch einmal eine VABO-Klasse besuchen.

Die Schulverwaltung hatte im vergangenen Schuljahr die Stunden für die VABO-Schüler massiv gekürzt. Das hat sich gar nicht bewährt, ging sehr deutlich zu Lasten des Schulerfolges und nun wird wieder etwas gegengesteuert. Im Schuljahr 2018/19 werden diese Kürzungen wenigstens teilweise wieder zurückgenommen. Denn wenn die Schüler sonst das Programm ein zweites Mal durchlaufen (müssen), ist ja auch nichts gewonnen.

AVdual – Ausbildungsvorbereitung mit einer vertieften beruflichen Orientierung und dem Erwerb des Hauptschulabschlusses ist die nächste Stufe.

Nach dem VABO-Jahr besuchen die Schüler demnächst eine AVdual-Klasse. Hier wollen sie im kommenden Schuljahr 2018/2019 den Hauptschulabschluss in ein oder zwei Jahren erreichen. In der AVdual-Klasse haben die Schülerinnen und Schüler die Wahl zwischen verschiedenen Schwerpunktfächern: Holzbearbeitung, Metallbearbeitung, Hauswirtschaft und Gastronomie, Pflege werden in Ellwangen an einer Schule angeboten.

Eigentlich nichts wirklich Neues – entstanden waren diese Klassen einmal als Unter-stützungssystem für Schüler, die auch nach neun Jahren in den deutschen Regelschulen Probleme hatten, sich irgendwie beruflich festzulegen. Na ja – nicht nur: für den einen oder anderen Standort versprach sich die Kultusverwaltung auch Einsparungen an Lehrpersonal. Zum Glück für eine gelingende Integration gibt es diese Klassen jetzt und damit die Chance für die Migranten, Spracherwerb in Deutsch und berufliche Grundbildung zu verknüpfen.

Im Juli feierten auch zwei AV-dual-Klassen mit 30 Schülern ihre Abschlüsse – inzwischen überwiegen hier die Schüler, die ihre gesamte Schullaufbahn in Deutschland nur noch am KBSZ absolviert haben. Und im neuen Schuljahr werden wohl wieder drei Klassen gebildet.

Problemfelder bleiben: zum einen die Schüler aus Kriegsgebieten …

Es gibt Migranten, die sehr schwach im schulischen Bereich sind. Hauptursache: in einem Land, das sich im Krieg befindet, gibt es nur unregelmäßig Unterricht – oder gar keinen! Ein Fünfzehnjähriger aus Syrien oder Somalia war vielleicht seit 2011 so gut wie nicht mehr in der Schule. Trotzdem tun wir hier so, als wäre das ein Neunt- oder Zehntklässler. Dieses Bildungsniveau kann er oft nicht annähernd aufweisen. Da besteht natürlich ein massiver Nachholbedarf gerade im Lesen, Schreiben und Rechnen – und trotzdem drängen diese Jugendlichen in die Arbeitswelt. Im neuen Schuljahr startet deshalb unter dem Dach AVdual eine weitere Klasse, die intensiv auf die Arbeitswelt vorbereitet. Diese Schüler haben zwei Mal in der Woche Berufsbegleitenden Unterricht und an drei weiteren Tagen besuchen sie ein Langzeitpraktikum in einem Betrieb. So können sie ihre Stärken in der Praxis beweisen und in einen Betrieb hineinwachsen. Und wem das gelingt, bei dem stimmt die Motivation und alles andere lässt sich auf dieser Grundlage dann noch gut nachholen.

… zum anderen: wenn Abschiebung oder Rückführung droht …

… dann demotiviert das alle Beteiligten: Die Jugendlichen in Schule und Ausbildung sind leicht „einzufangen“, denn sie kommen ja morgens ganz selbstverständlich zu Unterrichtsbeginn in die Schule und zu Arbeitsbeginn in den Betrieb. Und da sind sie ja leicht aufzugreifen! Angst haben viele, weil sie noch kein dauerhaftes Bleiberecht haben. Und diese Angst zehrt auch an deren Leistungsvermögen. Diese ausbildenden Arbeitgeber bringen eine hohe Investition für die Ausbildung ihrer Lehrlinge – und verstehen es gar nicht, wenn ihnen diese jungen Menschen vom einen auf den anderen Tag weggeholt werden. So langsam wehren sich diese Ausbildungsunternehmer immer lauter und fordern einen anderen rechtlichen Rahmen – der sich im Übrigen auch sofort positiv auf die Motivation in der Schule auswirken würde. „Schieben wir die Falschen ab?“ – dieses Thema kommt nicht zuletzt durch diese Unternehmer in den letzten Wochen zunehmend in den Blick der Öffentlichkeit!

Die Beruflichen Schulen leisten auf diesem Wege einen wichtigen Beitrag zur Integration der jungen Menschen in unser Land – und zugleich einen Beitrag gegen den allseits beklagten Fachkräftemangel. Ausbildungsbetriebe und Schulen wünschen sich, dass zum Beispiel auch schon der zuverlässige und regelmäßige Besuch der einjährigen Berufsfachschule vor Abschiebung schützt, denn die muss gerade im Handwerk oft zuerst besucht werden, bevor die „echte“ duale Ausbildung startet. Die Jugendlichen haben einen Vorvertrag – auch der könnte Grundlage für einen geregelten Aufenthalt in Deutschland sein und würde vielen Betrieben, genauso auch vielen Flüchtlingen helfen. Und ein gutes, stabiles schulisches Fundament mit strukturiertem Deutsch-Unterricht ist die beste Garantie für eine erfolgreiche Ausbildung und für eine gelingende Integration. Die Bilder junger Menschen auf der Abschlussfeier des Kreisberufsschulzentrums Ellwangen machen das sichtbar – und dort war es erlebbar!

Deutschland ist ein Einwanderungsland – das mag man gut finden oder auch nicht. Und wenn zum Beispiel die Altenpflege, die Handwerksberufe um Bauen und Renovierung, Lagerhaltung und Logistik, aber auch vieles andere auch in Zukunft noch funktionieren sollen, dann brauchen wir Arbeitskräfte aus dem Ausland, die wir schnell und gut integrieren müssen – und das geht besser in den Beruflichen Schulen!

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